17.12.2017
15.11.10

"Muslimische Kaufkraft"

 

London: World Halal Forum Europe eröffnet spannende Debatte über die Zukunft des Halal-Markts in Europa

(bioundhalal) Wie entwickelt sich der europäische Halal-Markt? Das World Halal Forum Europe lud zu einem zweitätigen Forum über die Zukunft des europäischen Halal Marktes nach London ein. Unter verschiedenen rechtlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten ging es um das Zusammenspiel von europäischem und islamischem Recht in dem neu entstehenden Halal-Markt, aber auch um diverse Wachstumshindernisse für die beteiligten Industrien aller Branchen.

Während sich islamische Organisationen bisher in der Öffentlichkeit wenig selbstkritisch zeigten und auch kaum über ihre eigenen Perspektiven diskutieren, wurde auf dem WHF Europa auch kritische Fragen angenehm offen angesprochen. Das Kernproblem ist klar: Bisher gibt es keine Einigkeit zwischen den Muslimen über weltweit gültige Standards, also die klare Definition, was "Halal" ist oder nicht mehr ist. Die strittigen Punkte machen es gerade für Muslime in Europa nicht einfach zu erkennen, welchen Produkten man wirklich vertrauen kann.

Oft genug werden die angewandten rechtlichen Standards von den verschiedenen Teilnehmern am Markt nur unzureichend oder gar nicht nachvollziehbar veröffentlicht.

Das gut besuchte Forum lud die Teilnehmer ein, über Perspektiven, Probleme und Visionen des wachsenden Halal-Marktes in Europa nachzudenken. Die Gründerin des Forums, Hajja Jumaatin Azmi erinnerte in ihrem Grußwort dabei an die "Wichtigkeit Europas für die Entwicklung einer globalen Halal-Industrie". Besonders der europäische Halal-Lebensmittelmarkt ist längst milliardenschwer, bereits größer als der Markt einiger arabischer Staaten, und wird von muslimischen und nicht-muslimischen Produzenten aus aller Welt beliefert.

Der Projektleiter des professionell in Szene gesetzten Ereignisses, Abdulhamid Evans, brachte die Zukunftsperspektiven auf den Punkt: "Muslimische Kaufkraft ist ein wesentlicher Aspekt der Präsenz von Millionen Muslimen in Europa, die sich hier längst zu Hause fühlen." Evans betonte auch, dass gerade im wichtigen Lebensmittelbereich "Halal-Produkte" auch Qualitätsprodukte - idealerweise sogar die besten Produkte - sein sollten. Selbstkritisch führte Evans aus, dass bis heute viele beteiligte Firmen oder Zertifizierungsstellen nicht professionell genug arbeiteten. Er rief insbesondere die beteiligten muslimischen Organisationen auf, auch im Interesse der muslimischen Verbraucher bei den anstehenden Einigungen auf verbindliche Standards auch kompromissfähig zu sein.

Interessant war an dem Forum, dass auch problematische Seiten des teilweise ungeregelten Halal-Marktes angesprochen wurden.

Der britische Lebensmittelexperte und Jurist John Pointing zeigte die Schattenseiten des Marktes auf. Oft genug werden muslimische Verbraucher über die Qualität von Wurst- und Fleischwaren getäuscht. "Ich wäre beinahe Vegetarier geworden", merkte der Experte über seine Erfahrungen mit importiertem Halal-Fleisch an. Zweifellos gibt es in dem umkämpften globalen Geschäft - bei kleinen Gewinnmargen - auch eine regelrechte "Lebensmittelmafia" (die auch Markenzeichen benutzen), die keinen Bezug zu echter islamisch motivierter Qualitätskontrolle haben.

Pointing erklärte auch mit diesen Fakten den Trend, Lebensmittel und Angaben über ihre Herkunft und Qualität in Europa noch mehr zu regulieren. "Muslime", so riet Pointing, "sollten jedenfalls das Markenzeichen 'Halal' kritisch hinterfragen."

Der Rechtsanwalt Philip Pfeffer führte brilliant in die Pläne der EU ein, Halal-Produkte zu einer bestimmten Kennzeichnung zu verpflichten. Geplant ist eine Kennzeichnungspflicht von Waren, die aus Schlachtungen entsprechend jüdischer und islamischer Rechtsregeln stammen – also teilweise auch von Tieren, die vor ihrer Tötung nicht betäubt worden sind. Auf den Produkten wäre dann ein Hinweis "Fleisch aus Schlachtung unbetäubter Tiere" zu finden.

Pfeffer rief alle jüdischen und muslimischen Verbraucher auf, diese "diskriminierende" Kennzeichnungspflicht abzulehnen und für ihre Verbraucherrechte einzutreten. Er warnte vor einer allgemeinen Tendenz in Europa zur "Skandalisierung normaler religiöser Praktiken".

Pfeffer kritisierte auch das europäische DialRel-Programm. In dem von der EU geförderten Programm hatten zwei Dutzend europäische Akademiker über die Schlachtungsmethoden bestimmter Religionen beraten. "Leider fehlten in dem Programm aber genau die Wissenschaftler", so Pfeffer, "die eben argumentieren, dass die Betäubung den Tieren mehr Schaden zufüge, als eine professionelle Schlachtung entsprechend jüdischer und islamischer Regeln".

Mudassar Ahmad von der Unternehmensberatung "Unitas Communications" riet den Muslimen zu einer PR-Kampagne über die Hintergründe von Halal-Produkten und im Falle der Schlachtung von Tieren auch zu offenen Gesprächen und Diskussionen mit Tierschutzorganisationen. In den Medien, so Mudasssar, werde immer wieder der für Muslime prägende, tiefe Respekt vor Schöpfung und Geschöpfen unterschlagen. Muslime und Tierschützer sehen natürlich die Gefahren der Industrialisierung der Lebensmittelproduktion.