17.12.2017
16.06.08

Muslime im Einsatz gegen Betrug

 

Immer wieder werden Halal-Richtlinien in der Lebensmittelindustrie verletzt. Ein Bericht aus den USA und Malaysia

(halalfocus). Wenn normale Verbraucher Fleisch kaufen, denken sie über kaum mehr nach als über dessen Qualität und seinen Preis nach. Zeigen sie das gleiche Fleisch praktizierenden Muslimen, werden diese einen Haufen Fragen stellen: Wurden rituelle Formeln vor der Schlachtung gesprochen, sind die Tiere fachmännisch geschlachtet worden oder kam das Fleisch vorher mit Alkohol in Berührung?

 

Die Industrie für jene Lebensmittel, deren Verbrauch für Muslime nach islamischem Recht erlaubt ist, legt in ihrem Umsätzen zu - sowohl im Westen als auch in anderen Teilen der Welt. In diesem Jahr soll sie einen geschätzten Umsatz von 375 Milliarden Euro haben, wobei sie nicht nur an Muslime verkauft, sondern in zunehmendem Maße auch an nichtmuslimische Kunden. Aber der Anstieg der Nachfrage nach so genannten "Halal-Produkten" hat auch zu einem Anstieg von betrügerischen Aktivitäten geführten, bei denen Produzenten und Exporteure Lebensmittel als "Halal" deklariert haben, obwohl dies nicht der Fall ist.(1) Dieses Problem hat bei Muslimen weltweit dazu geführt, den Prozess der Halal-Zertifizierung zu überdenken und jene Möglichkeiten zu reduzieren, in denen der muslimische Glauben zum Zwecke eines schnellen Gewinns ausgenutzt werden kann.

 

Diese Problemlage war eines der Hauptthemen beim diesjährigen Treffen des World Halal Forum Anfang Mai in Malaysia. Dort wurde die "International Allianz für die Halal-Qualität" (IHI) etabliert, die dem Betrug in Sachen Halal das Handwerk legen soll und außerdem der Vereinheitlichung von Regeln dienen soll. Die Allianz arbeitet augenblicklich auf freiwilliger Basis, bei der Firmen die IHI-Standards anwenden. Wird eine Zertifzierungsstelle von der IHI anerkannt, erhalten die von ihr überprüften Produkte eine größere Glaubwürdigkeit. "Hier handelt es sich um eine Gruppe von Leuten, die kein weiteres Interesse haben als die Glaubwürdigkeit von Halal-Produkten", erklärte Nordin Abduallah, stellvertretender Vorsitzender des World Halal Forum. 

 

Bis heute gibt es noch keine zentralisierte Körperschaft, die Standards für Halal-Lebensmittel festlegt und Zertifizierungsorganisationen akkreditiert. Das Fehlen einer geordneten Qualitätsprüfung hat sich in einigen Ländern als problematisch erwiesen, darunter auch Staaten des Nahen Osten, die einen wesentlichen Prozentsatz der weltweiten muslimischen Bevölkerung ausmachen. Überraschenderweise sind es Staaten wie die USA, Thailand oder auch die Philippinen (2), die eine positive Bilanz in Sachen Überprüfung von Halal-Lebensmitteln vorweisen können. "Insbesondere jetzt, wegen der Entwertung des US-Dollar, gibt es einen Anstieg in der Nachfrage nach amerikanischen Produkten in der muslimischen Welt", berichtet Jalel Aossey, Entwicklungsdirektor Midamar, die Halal-Lebensmittel produziert und exportiert.

 

Problematisch sieht es bei den US-Exportregeln für Lebensmittel aus. Während die internen Regelungen ziemlich streng sind und falsche Auszeichnung von Lebensmitteln zu schweren Geldstrafen führen kann, sind die Gesetze für den Export wesentlich laxer. Aossey erklärte die Problemlage wie folgt: "Viele Lebensmittelimporteure kaufen wissentlich amerikanische Produkte auf, die nicht halal sind, und versehen diese dann mit Auszeichnungen vermeintlicher Halal-Zertifizierungsstellen. Die Zertifikate werden von den Produkten getrennt versandt und so können Importeure, insbesondere in der arabischen Welt, vorweisen, dass die importierten Güter Halal sind."

 

Bisher sei in den USA die absolute Mehrheit der Lebensmittel nicht als Halal ausgewiesen, sagt Aossey. "Sie können in jeden Supermarkt in den Nahen Osten gehen und finden dort amerikanische Güter, die als Halal verkauft werden. Aber sie werden niemals erleben, dass diese Produkte in den USA als 'Halal' zu kaufen sind." Aossey ist überzeugt, dass viele Menschen schockiert wären, wenn sie erfahren würden, wie wenig von den als "Halal" verkauften Produkten tatsächlich nach islam-rechtlichen Maßstäben akzeptabel seien.

 

Den Verbrauchern im Nahen Osten ist dieses Problem in zunehmenden Maße bewusst und sie haben die Verpflichtung, eine wesentlich aktivere Rolle dabei zu spielen, was nach islamischem Recht annehmbar sei und was nicht. Jalel Aosseys Unternehmen ist dabei, eine Verbraucherorganisation aufzubauen, die US-amerikanischen Lebensmittelproduzenten kontaktieren will und sie bitten möchte, auf ihren Produkten zu verzeichnen, ob diese Halal seien oder eben nicht. Es sei relativ einfach zu überprüfen, ob ein Zeugnis legitim sei oder nicht. Sollten US-amerikanischer Produzenten erklären, dass sie keinen Halal-Produkte erzeugen, diese aber in Übersee als "Halal" ankämen, dann sei das ein Hinweis darauf, dass jemand in den USA Lebensmittel als erlaubt deklariere, bevor sie das Land verließen.

 

In gewisser Hinsicht könne die Industrie von der jüdischen Koscher-Industrie lernen, bei der Produkte direkt auf den Verpackungen als religiös annehmbar deklariert seien. "Lebensmittel gelten nur dann als koscher, wenn sie mit einem Siegel versehen seien. Zertifikate gelten aus einsehbaren Gründen nicht als annehmbar", beschreibt Aossey die Herausforderungen für die Produktion annehmbarer Lebensmitteln.

 

Überraschenderweise sind es die südostasiatischen Länder und nicht der Nahe Osten, welche die Bemühungen bei der Regulierung von Halal-Standards anführen. In Malaysia gibt es beispielsweise ein System, bei dem ein Verbraucher ein Produkt aus einem Supermarktregal nehmen und dessen Streifencode in einer SMS an eine zentrale Datenbank senden kann. Er oder sie erhält eine Nachricht, die ihn darüber informiert, ob ein Produkt bei der Halal-Zertifizierungsbehörde verzeichnet ist oder nicht.

 

Nach Ansicht von Nordin Abduallah könne es zu Betrug in Sachen Halal sowohl absichtlich als auch durch Unkenntnis kommen. "Vielleicht gibt es einige clevere Werbeleute, die ein Halal-Logo auf ein Produkt bringen wollen, weil es sich dann besser im Nahen Osten verkaufen lässt, ohne dass sie wissen, für was es wirklich steht." Andererseits gebe es Leute, die wissen, dass sich Bestandteile von Schweinefleisch in ihren Produkten finden und sie es trotzdem tun. Alle Paar Wochen stoße er auch eine Firma, die dergleichen tut. Allerdings geht der Funktionär davon aus, dass der wachsende Gebrauch des Internets dazu führen, dass ein solches Verhalten wesentlich schneller bekannt werde als früher.

 

Es wüchsen aber auch die Gefahren, dass es zu Verunglimpfungen kommen könnte. So könnten Firmen und Produzenten - vielleicht von einem Mitbewerber - des Betrugs bezichtigt werden, wenn es in Wirklichkeit keine Probleme mit ihren Produkten gebe. "Die IHI  spielt eine wachsende Rolle als Regulierungsbehörde, weil sie Firmen beschützt, die richtig handeln und natürlich auch die Verbraucher", meint Abduallah.

 

Jalel Aossey ist der Ansicht, dass es, obwohl einige Mitglieder der Halal-Industrie absichtlich falsch handeln würden, darüber hinaus einen Mangel an Wissen darüber gebe, wie ein Produkt beschaffen sein muss, um zertifiziert zu werden. "Einige Unternehmen glauben, dass es sich dabei bloß um einen bürokratischen Vorgang handelt. Sie verstehen nicht, dass es sich dabei um einen tatsächlichen Prozess von der Schlacht bis zur Verarbeitung handelt", erläutert er.

 

Was ist Halal?

Halal ist ein arabisches Wort, dessen Bedeutung auch mit "erlaubt" übersetzt werden kann. Es bezieht sich auf alles, was nach der Schari'a als erlaubt gilt - im Gegensatz zu Dingen, die Haram, oder verwehrt sind. In Sachen der Lebensmittelproduktion bezeichnet "Halal" jene Produkte, deren Konsum für die Muslime aus islam-rechtlichen Gründen erlaubt ist.

 

Im Qur'an findet sich die folgende Passage: "Verboten ist euch das Verendete sowie Blut und Schweinefleisch und das, worüber ein anderer als Allahs Name angerufen wurde; das Erdrosselte, das zu Tode Geschlagene, das zu Tode Gestürzte oder Gestoßene und das, was Raubtiere angefressen haben, außer dem, was ihr geschlachtet habt, ferner das, was auf einem heidnischen Opferstein geschlachtet worden ist, und ferner (ist euch verboten), daß ihr durch Lospfeile das Schicksal zu erkunden sucht. Das ist eine Freveltat." (Al-Ma'ida, 3)

 

Auf Grundlage dieser Quelle und anderer Rechtsgrundlagen hat beispielsweise der Islamische Rat für Lebensmittel und Ernährung in America (IFANCA) Lebensmittel als haram bezeichnet, welche die folgenden Kriterien erfüllen:

 

• Schweinefleisch und seine Nebenprodukte

• Tiere, die unsachgemäß geschlachtet wurden oder bereits vor der Schlachtung verstarben

• Tiere, die in einem anderen Namen als den von Allah geschlachtet wurden

• Alkohol und Rauschmittel

• Fleischfressende Tiere und Raubvögel

• Blut und seine Nebenprodukte

• Lebensmittel beziehungsweise Rohstoffe, welche die oben genannten Bestandteile enthalten

 

Nach Ansicht vieler Fachleute aus der Branche seien Zusätze wie Gelatine, Enzyme oder Emulgatoren fragwürdig, weil die Herkunft solcher Inhaltsstoffe unbekannt sei und sie sich daher einer Einordnung als Halal oder Haram entzögen.

 

Damit Fleisch als Halal eingestuft werden kann, müssen gewisse Regeln bei der Behandlung der Tiere befolgt werden:

• Tiere müssen normal gefüttert werden und sollten vor der Schlachtung Wasser erhalten

• Tiere dürfen nicht die Schlachtung anderer Tiere beobachten

• das Messer muss extrem scharf sein und die Kehle des Tieres von Blutgefäß zu Blutgefäß in einer Bewegung durchschneiden

• sowohl der Metzger als auch das Tier sollten in Richtung Mekka blicken.

 

(1) siehe beispielsweise die diversen Fleischskandale in Teilen der deutschen Dönerproduktion

(2) vom augenblicklichen Marktführer Malaysia einmal ganz abgesehen