17.12.2017
06.04.08

Mehr als nur bloße Regeln

Von: Yasin Alder, Bonn

Wie funktioniert Halal-Ernährung? Häufig mangelt es an Bewusstsein für die Wichtigkeit einer gesunden und qualitativ möglichst guten Ernährung.

Die Nahrung soll nicht nur „Halal“, sondern auch „Tajjib“ sein

Die Nahrung soll nicht nur „Halal“, sondern auch „Tajjib“ sein

Es ist allgemein bekannt, dass es im Islam Vorschriften zur Ernährung gibt, etwa, welche Speisen zu essen nicht erlaubt ist. Die Regelung dessen, was erlaubt (halal) ist und was nicht - was also haram ist - ist vergleichsweise einfach. Sie betrifft - mit Ausnahme des Alkohols und anderer betäubender Substanzen - nur das Fleisch. Verboten ist den Muslimen nur der Verzehr von Aas und von Aasfressern, von Blut, Schwein und dem Fleisch von Tieren, die nicht im Namen Allahs geschlachtet worden sind beziehungsweise im Namen irgendwelcher „Gottheiten“ oder Götzen geschlachtet wurden. Dies findet sich im Qur’an etwa in Sura Al-Baqara, Vers 173; in Sura Al-Ma’ida, Verse 3 bis 5 sowie in Sura An-Nahl, Verse 114 und 115. Nach der mehrheitlichen Rechtsmeinung ist zunächst einmal alles grundsätzlich halal, was nicht nachweislich, also durch einen Gegenbeweis, nicht halal ist. Was von „Leuten des Buches“, also Juden und Christen, geschlachtet wurde, ist für Muslime erlaubt, wie der Islamwissenschaftler und Experte für Islamisches Recht Abdurrahman Reidegeld bestätigt. Allerdings lehnen viele Muslime in Deutschland es ab, Fleisch bei nichtmuslimischen Metzgern oder im Supermarkt zu kaufen oder Fleisch, das nicht ausdrücklich als halal deklariert ist. In der Tat, so Reidegeld, liege das Problem heutzutage darin, dass viele Menschen in Europa keine gläubigen beziehungsweise praktizierenden Christen sind und bei der industriellen Schlachtungsweise kaum nachvollziehbar ist, wer das im Handel angebotene Fleisch eigentlich geschlachtet hat. Ein weiteres Problem ist, dass die hier in der Regel angewandten Betäubungsweisen auf den Schlachthöfen, wie etwa der Bolzenschuss, irreversibel sind, das heißt die Tiere sind dann bereits vor der Schlachtung tot und damit nicht halal. Außerdem kommt Rindfleisch oder anderes erlaubtes Fleisch bei hiesigen Metzgern leicht mit Schweinefleisch in Kontakt, wodurch es verunreinigt wird.

 

Ist „halal“ immer halal?

 

Dennoch mangelt es häufig an Bewusstsein für die Wichtigkeit einer gesunden und qualitativ möglichst guten Ernährung - nicht alles, auf dem „halal“ draufsteht, ist auch qualitativ gut. Und viele als „halal“ deklarierte Produkte stammen beispielsweise von Tieren, die auch mit Tiermehl gefüttert werden, stammen aus Massentierhaltung und werden wie bei konventionellen Schlachthöfen industriell geschlachtet, was ganz und gar nicht im Sinne der islamischen Ethik ist. Um halal zu sein, reicht es nicht immer aus, dass einfach halal geschlachtet worden ist. Nach vielen Gelehrten ist auch ein Tier, das mit unnatürlicher Nahrung ernährt wurde, nicht halal, so wie auch ein unrechtmäßig erworbenes oder mit unrechtmäßig erworbenem ernährtes Tier nicht halal ist.

 

Allah verwendet im Qur’an im Zusammenhang mit dem Wort halal für Nahrung auch den Begriff „tajjib“, was in etwa mit „rein, gut“ zu übersetzen ist. Muslime sind daher auch aufgefordert, auf die Qualität der Nahrung zu achten. „Die Nahrung soll auch Würde haben. Wer etwas zu sich nimmt, das damit nicht vereinbar ist, der hat seiner eigenen Würde als Mensch, dem ja von Allah Würde widerfahren ist, eigentlich keinen Gefallen getan“, sagt Abdurrahman Reidegeld. „Beim Thema halal geht es auch darum, ein Tier auf vernünftige Weise heranzuziehen und auf anständige Weise zu schlachten und zuzubereiten, sodass Allah damit zufrieden ist“, so der Islamwissenschaftler. Die heutige industrielle Tierhaltungs- und Schlachtungsweise, die das Tier entwürdigt, ist seiner Meinung nach aus islamischer Sicht eigentlich grundsätzlich abzulehnen.

 

Die meisten in Deutschland erhältlichen Halal-Fleischprodukte stammen aus dem Ausland, häufig aus den Beneluxstaaten. Manche Händler vergewissern sich aber lieber selbst darüber, wo ihr Fleisch geschlachtet wird und dass alles mit rechten Dingen zugeht. „Wir arbeiten nur mit ein oder zwei Schlachthäusern in Deutschland zusammen, die die Erlaubnis besitzen, Tiere nach islamischer Weise zu schlachten“, sagt Younes Mahi Settouti vom Kölner „Tanger-Markt“.

 

Derzeit liegen Bio-Produkte voll im Trend und boomen anhaltend, allerdings ist dies in der Masse der muslimischen Bevölkerung noch wenig angekommen, wobei Bioprodukte zugegebenermaßen meist auch immer noch etwas teurer sind. Für eine qualitativ gute und gesunde Ernährung sollte man allerdings schon auch bereit sein, etwas mehr auszugeben, und nicht immer nur nach dem günstigsten Preis schauen. Die innovative Firma „biohalal“ aus München beispielsweise musste auch aus diesen Gründen inzwischen leider aufgeben. Es bleibt dennoch zu hoffen, dass dieser Gedanke sich künftig unter muslimischen Kunden verstärkt durchsetzen wird.

 

Maß halten ist angesagt

 

Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, hat gesagt: „Der Mensch füllt kein schlechteres Gefäß als seinen Bauch. Einige Bissen genügen dem Sohn Adams, um seinen Rücken aufrecht zu halten. Aber wenn das nicht möglich ist, dann sollte ein Drittel des Magens für sein Essen sein, ein Drittel für sein Trinken und ein Drittel seinem freien Atmen vorbehalten sein.“ (Imam Ahmad; Tirmidhi)

 

Dieses Prinzip maßvollen Essens ist ein be

kannter Bestandteil der islamischen Lebensweise, und dennoch fällt es nicht immer leicht, dies einzuhalten. Moderne Forschungen haben bestätigt, dass übermäßiges Essen und eine unpassende Diät die Gefahr von Krankheiten wie Übergewicht, Herzkrankheiten und Diabetes erhöhen. Allah sagt dazu beispielsweise: „Esst von den guten Dingen, die Wir euch gegeben haben, doch überschreitet dabei nicht das Maß.“ (Ta Ha, 81)

 

Allah gibt jeder menschlichen Seele einen Körper und überträgt ihr damit gleichzeitig die Verantwortung für dieses Geschenk. Jedem Menschen wird somit auch die Pflicht aufgetragen, diesen Körper gesund und fit zu erhalten.

 

Im Menschenbild des Islam gibt es eine Verbindung zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Es kann nur ein Optimum an spiritueller Gesundheit geben, wenn auch die Physis ausgeglichen ist. Neben dem Verweis auf die Mäßigkeit beim Essen, die allgemeinen Regeln der verbotenen Nahrung und das Wissen, dass sämtliche Versorgung von Allah kommt, verweisen viele qur’anische Verse und prophetische Aussagen auf den ernährungsphysiologischen Nutzen diverser Lebensmittel, wie etwa den Honig, die Dattel und die Olive.

 

In den populären Büchern über die „Medizin des Propheten“ (At-Tibb An-Nabawi) werden auch die auf die Ernährung, das Essen und Trinken sowie die Art der Nahrungsaufnahme bezogenen Hinweise und Empfehlungen des Propheten behandelt.

 

Praktische Tipps

 

Die Ernährungswissenschaftlerin Katharina Mansouri, die die muslimischen Essgewohnheiten recht gut kennt, gibt beispielsweise zu bedenken, dass man den Fleischkonsum lieber etwas einschränken sollte, auch wenn die Küchen vieler muslimischer Völker schon einen größeren Anteil pflanzlicher Komponenten aufwiesen als die traditionelle deutsche Küche, wie sie anerkennend anmerkt. Wichtig sei auch, darauf zu achten, weniger fettreich zu essen, und bei der Verwendung von Fett auf einen möglichst hohen Anteil pflanzlicher Fette gegenüber tierischen Fetten zu achten - also vor allem pflanzliche Öle anstelle von Butter, Butterfett und dergleichen. Man solle etwa fünf Portionen (jeweils eine handvoll) pflanzliche Kost, Obst und Gemüse, pro Tag zu sich nehmen, wobei rohes Gemüse aufgrund des höheren Nährstoffanteils günstiger ist. Gerade im Winter sei auch Gefriergemüse oft besser als frisch gekauftes, da dieses unmittelbar nach der Ernte eingefroren wird und somit nährstoffreicher ist als Frischgemüse, das schon eine gewisse Transport- und Lagerzeit hinter sich hat. Das von vielen muslimischen Völkern bevorzugt verwendete helle Brot beziehungsweise Weißbrot, das vor allem auf Weizen basiert, ist weniger gesund als dunkleres Mehrkorn- oder Vollkornbrot, welches daher durchaus auch häufiger mal auf den Tisch kommen sollte. Was das Trinken betrifft, solle man vor allem Tee oder Wasser trinken. Fruchtsäfte sollten möglichst ungesüßt sein, doch enthielten auch diese noch relativ viel Fruchtzucker und sollten daher nur in Maßen genossen werden. Besser als Fruchtsäfte sei der Verzehr von Obst, da man damit auch noch Ballaststoffe und zusätzliche Vitamine zu sich nimmt. Zu den typischen Bestandteilen der traditionellen muslimischen Küche zählen oft auch die Süßspeisen oder auch stark gesüßte Getränke wie der viel getrunkene Tee. Hier sollte natürlich der Zuckerkonsum möglichst eingeschränkt werden. „Es empfiehlt sich, den Tee eher mit Honig süßen, da dies für den Körper besser verdaulich ist und im Gegensatz zu normalem Zucker auch Nährstoffe enthält“, sagt Katharina Mansouri.

 

Brauner Zucker sowie Roh- und Vollrohrzucker sei zwar geringfügig besser als weißer Zucker, da er nicht raffiniert ist, aber auch diesen sollte man so wenig wie möglich verwenden. Wer es sich leisten könne, dem empfiehlt auch Frau Mansouri Bio-Produkte: „Diese haben weniger Konservierungsstoffe, sind naturbelassener, sind keine Genprodukte, sind kontrollierter, enthalten weniger Schadstoffe, und meistens schmecken sie auch noch besser, gerade auch bei Bio-Fleisch, das auch, wie man beim Braten merkt, weniger Wasser enthält.“

 

Lydia Jalil, IZ-Mitarbeiterin und Mutter, sieht das ähnlich: „Ich denke, man sollte es nicht nur auf verbotenes und nicht verbotenes reduzieren, sondern auch gesundes und nicht gesundes. So gehe ich auch zu Hause und in Bezug auf die Ernährung meiner Kinder vor.“ Sie lege zudem Wert darauf, Lebensmittel wie Brot oder Käse auch häufiger mal selbst herzustellen, damit die Kinder einen Eindruck von deren Herstellung von Hand erhalten und es nicht nur etwas ist, das man einfach fertig aus dem Supermarkt kauft.