17.12.2017
24.04.09

Halal-Standard: Die Industrie will nicht warten

Von: Sulaiman Wilms, Berlin

Uneinigkeit bei Muslimen bewirkt Schaffung eines Halal-Standards seitens Dritter

(bioundhalal). Niemand kann behaupten, die Muslime wären nicht schon längst in Deutschland angekommen. Eines haben sie mittlerweile mit der deutschen Geschichte der letzten Jahrhunderte gemein, denn auch sie tun sich mit Entwicklungen schwer und schlagen daher auch gerne „Sonderwege” ein. Man weiß nicht so Recht, wo man hingehört, und wie bei uns Deutschen insgesamt, nimmt die Frage nach der eigenen „Identität” (insbesondere in Sachen des so genannten „Migrationshintergrunds) einen größeren Raum ein, als uns gut tut.

Die unterentwickelte Halal-Kultur

Eines von vielen Beispielen dafür - beileibe nicht das einzige - ist das bisherige Nicht-Gelingen von Verbänden, Lokalvereinen, Moscheen und Zertifizierungsstellen, sich auf einen verbindlichen Standard bei der Erzeugung, Produktion und Weiterverarbeitung von Lebensmitteln nach islamischen Speisevorschriften zu einigen. So hat sich eine Landschaft von kleineren Projekten und Firmen in Deutschland entwickelt, die je nach Orientierung ihre eigenen Halal-Siegel und Standards für die Verarbeitung von Halal-Lebensmitteln an all jene muslimischen und nichtmuslimischen Produzenten vergeben, die diese haben wollen.Eine mögliche psychologische Ursache, warum denn nun gerade die Frage nach dem Halal-Fleisch (um darum handelt es sich im Kern) so derart unter Deutschlands Muslimen (beispielsweise im Vergleich zur Frage nach der Zakat oder der religiösen Unterweisung nachfolgender Generationen) debattiert wird, mag darin liegen, dass sich für viele Muslime die religiöse Identität auch und vor allem in symbolischen Themen kristalliert. Dazu zählt neben dem Kopftuch auch die Herkunft und Beschaffenheit von Lebensmitteln in Hinblick auf die eigentlich vergleichsweise einfachen Speisevorschriften des Islam.Diese Unübersichtlichkeit, aber auch die geringe Durchdringung dieses auch national wachsenden Marktes für so genannte „islam-konforme” Produkte hat nicht nur zu einer willkürlichen Beliebigkeit geführt, sondern auch der Verletzung eben jener Speisevorschriften Tür und Tor geöffnet. Bei vielen muslimischen Verbrauchern ist der Berliner Döner-Fleischskandal noch in guter Erinnerung und auch sonst, jenseits der schlagzeilenträchtigen Meldungen, kursieren in der in dieser Frage zerstrittenen Community viele Gerüchte, ob denn dieses oder jenes Produkt wirklich „halal” sei.

 

Zu groß schienen bisher die Unterschiede der Lehrmeinungen, der Nationalitäten und wohl auch der bestehenden Interessen muslimischer Unternehmer (allen voran türkischer Herkunft), als dass sich die Muslime auf eine verbindliche Art und Weise hätten einigen können, was für sie unter dem Schlagwort „Halal” zu verstehen sei. Dabei gehen nach Auskunft von Brancheninsidern die Bruchlinien durchaus durch bestehende Verbände und Organisationen der Muslime in Deutschland.Mehr als nur Politik und Recht Bisher wurde innerhalb der muslimischen Öffentlichkeit vor allem der politisch-rechtliche Aspekt der Halal-Frage debattiert. Konkret ging es zumeist um die Unmöglichkeit, dass es entgegen des europäischen Rests in Deutschland flächendeckend unmöglich ist, betäubungslos zu schlachten. Die Tatsache dieses eklatanten Bruch der mehrheitlich in der EU möglichen Praxis, ist allgemein bekannt. Allerdings gingen auch bei muslimischen Fachleuten und Interessierten die Perspektiven selten in die Richtung, was funktionierende Halal-Standards für Verbraucher und muslimisches Gewerbe in Deutschland bedeuten könnten. Denn eines ist klar: Der bestehende muslimische Fleischmarkt mit sehr unterschiedlichen Qualitäten und Hygienestandards konnte sich bisher nur deshalb halten, weil es keine einheitliche Alternative im Rahmen des allgemeineren Lebensmitteleinzelhandels gibt.

 

Halal-Lebensmittel auf dem „platten Land”

Dass auch das allgemeine lebensmittelverarbeitende Gewerbe in Deutschland gerne auch den Zug dieses globalen Wachstumsmarktes der „Halal-Branche” aufspringen möchte, ist bekannt. Weniger bekannt war bisher, dass es aufgrund eines fehlenden landesweiten Halal-Standards, der darüber hinaus auch noch von ausländischen Partnern - insbesondere in der muslimischen Welt anerkannt ist, dem exportierenden Gewerbe nicht gerade leichter gemacht wurde, islam-konforme Lebensmittel und Kosmetika im Ausland abzusetzen.

Dabei ist sich die deutsche Industrie durchaus der Bedeutung eines verbreiteten und anerkannten Standards bewusst. Am Dienstag, den 21. April organisierte die Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft aus diesem Grund ein Symposium, das erstmals für ein Fachpublikum den „wachsenden Markt für muslim-konforme Lebensmittel” beleuchten sollte.

Nach Ansicht von Dr. Storcke aus dem zuständigen Ministerium sei gerade die niedersächsische Landwirtschaft besonders geeignet und bereit für diesen Markt. Nach der Automobilindustrie spiele die Landwirtschaft die wichtigste Rolle in dem Flächenstaaten. Rund 80 Prozent der gesamten Produkte des Bundeslandes würden ausgeführt und wegen seiner günstigen Lage könnten im europäischen Kontext mehr als 100 Millionen Kunden in nur wenigen 5 Stunden beliefert werden.

Weltweit wächst kein Segment des globalen Lebensmittelmarktes so schnell wie das so genannten „Halal-Food”. Die bisherigen Marktführer finden sich aber nicht in der exportorientierten deutschen Agrarwirtschaft, sondern beispielsweise in Malaysia, den Philippinen oder Thailand. Dies liegt nach Auskunft von Experten nicht nur an fehlenden Standards, sondern an der nicht endgültig entschiedenen Frage, ob man in Deutschland irgendwann doch noch betäubungslos schlachten darf. So fragen sich Beobachter schon seit geraumer Zeit, warum die deutsche Fleischwirtschaft nicht auf dem Rechtsweg die Bundesregierung belangt. Immerhin erhält sie durch die, angeblich dem Tierschutz geschuldeten Gesetzeslage, einen erheblichen Wettbewerbsnachteil vor jenen Unternehmen, die ihre Produkte in EU-Mitgliedsstaaten erzeugen dürfen, wo dem islam-konformen (wie auch dem jüdischen) Schlachten keine rechtlichen und politisch-medialen Hürden gesetzt sind.

Aber auch in Deutschland leben mehrere Millionen Muslime, deren Einkaufsgewohnheiten bisher überwiegend von ethnischen Produzenten bedient worden seien, wie der Unternehmensberater Tayfun Aygün in seinem Referat anmerkte. Der Grund, warum sich die „Onkel Mehmet Läden” überhaupt noch massenhaft bei der deutschtürkischen Kundschaft halten könnten, die ansonsten ihre Grundnahrungsmittel vor allem bei den dominanten Discountern einkaufen, liegt neben deren familiären Charakter vor allem darin begründet, weil sich die Discounter der Bedeutung der türkisch-islamischen Produkte und ihrer Konsumenten nicht bewusst geworden seien.

An diesem Punkt kann erwähnt werden, dass der ebenfalls anwesende Vertreter der Firma Wiesenhof, die nach eigenem Bekunden auch einige Produkte nach dem neuen QFC-Halalstandard anbietet, aus der Erfahrung des Unternehmens berichtete, wonach ein großer deutscher Discounter kein Interesse an einer einigermaßen erkennbaren Etikettierung der Halal-Produkte hatte. Aus welchen Gründen dies so sei, wollte sich der Marketingfachmann nicht äußern. Es dürfe, so ein anderer Teilnehmer der Hannoveraner Tagung und Fleischproduzent, vermutet werden, dass sich das betreffende Unternehmen nicht in die Schusslinie radikaler Tierschützer und christlicher Gruppen bringen wollte.

Was heißt „Halal”?

Bei ihrem Impulsreferat legte die Hannoveraner Islamwissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi anhand der relevanten Qur’anverse und prophetischer Überlieferung die religiöse Verwurzelung der „islamischen Speisevorschriften” dar. Neben der religiösen Lebensweise, die ihren materiellen Ausdruck auch in der Beachtung des Unterschieds zwischen „halal” und „haram” fänden, dürfe dabei die Absicht dieser Regeln nicht in Vergessenheit geraten. Diese seien analog zu den europäischen oder deutschen Lebensmittelrichtlinien zu verstehen. Beide Ansätze versuchten vor allem, die Qualität und Unbedenklichkeit von Lebensmitteln für die Verbraucher zu gewährleisten.

Wie sollen nach Ansicht der Teilnehmer dieses Regeln nun aber in nachprüfbare und zertifizierbare Produktionsabläufe umgesetzt werden? Hier besteht, so die einhellige Meinung, Handlungsbedarf. Einen neuen Weg will die Kooperation zwischen dem neutralen Prüfunternehmen SGS Germany, dem auch das Institut Fresenius angehört, und der RoWi Fleischwarenvertrieb GmbH gehen. Die SGS, ein staatlich akkreditiertes Prüfunternehmen, untersucht seit November 2008 Unternehmen, die sich um das „Halal-Siegel” der in Wildeshausen beheimateten und von der RoWi gegründeten Qibla Food Control (QFC) bewerben. Dabei kämen nur praktizierende muslimischer Prüfer zum Einsatz. Der eingesetzte Halal-Standard, so die QFC-Vertreterin, Henriette Bednarzky, sei in Zusammenarbeit mit norddeutschen und internationalen „islamischen Autoritäten” ausgearbeitet worden. Wer diese allerdings konkret sind, hatte Bednarzky sie nicht zur Gänze ausgeführt.

Bei einem Anfangsbesuch würde der muslimische Auditor der SGS in Begleitung ebenjener „islamischen Autorität” die betreffende Betriebsstätte und beurteile diese anhand einer Checkliste nach den Anforderungen des QFC-Standards. Sollte die erste Überprüfung erfolgreich verlaufen, erhielten die Unternehmen ein Zertifikat und seien - dies sei vor allem wichtig für die Konsumenten - berechtigt, ihre Produkte mit dem entsprechendem Siegel zu bewerben. In Folge würde es dann unangekündigte Audits geben, um die Einhaltung der Standards zu gewährleisten. Bei Mängel sind je nach Schweregrad Verbesserungen vorgesehen oder aber den Unternehmen könnten auch das Zertifikat und die Rechte auf das Siegel entzogen werden. Es werde auch, so Dr. Susanne Wiese-Willmaring, von der SGS auf den Siegeln deutlich gemacht, dass die in Deutschland geschlachteten Tiere vor ihrer Tötung betäubt worden seien, damit die hiesigen Verbraucher diese Kriterium mit in ihre Kaufentscheidung einbeziehen könnten.

Richard Roscher, Geschäftsführer von RoWi, und seit aktiv auf dem Gebiet der Einführung eines Halal-Standards in Deutschland, hofft, dass das Projekt Früchte trägt. Immerhin habe er selbst seit mehr als einem Jahrzehnt daran gearbeitet.

Da es sich in Hannover, wie bei wahrscheinlich allen Produzenten und Händler, um ergebnisorientierte Teilnehmer handelt, blieben Schuldzuweisungen über das bisheriger Scheitern beim Zustandekommen eines verlässlichen Halal-Standards drittrangig. Es war aber am Rande der Tagung von betroffenen Teilnehmern zu hören, dass die bisherige Perfomance der muslimischen Verbände und ihrer Projekte in Sachen Halal-Siegel nicht ausgereicht hätte, um einen anerkannten und verbindlichen Standard zu kreieren.