17.12.2017
30.11.09

Auf engstem Raum

Von: Leyla Dagli-Arduc, Gelsenkirchen

Das Obst- und Gemüseangebot in türkischen Läden spricht vor allem deutsche Kunden an

(bioundhalal) Der türkische Lebensmittelhandel in Deutschland ist zum einen Produzent und Verteiler von Lebensmitteln. Zum anderen erreicht er als Zielgruppe längst nicht mehr nur die Zuwanderer türkischer Herkunft. Immer mehr Deutsche werden zu ihren Stammkunden.

 

Was „Tante Emma“ in den siebziger Jahren aufgab, übernahm „Onkel Mehmet“ Ende der Achtziger: Der Einstieg des türkischen Lebensmittelsektors in den deutschen Markt erfolgte parallel zur türkischen Einwanderung nach Deutschland. Während es im ersten Schritt darum ging, gewohnte Lebensmittel für die zunehmende Bevölkerung bereitzustellen, wurden bald auch Deutsche auf türkische Nahrungsmittel aufmerksam.

 

In einer Befragung des Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfT) gaben nur 15 Prozent der türkischen Lebensmitteleinzelhändler an, dass sie weniger als 20 Prozent deutsche Kunden aufweisen würden. Demnach hat nahezu jeder dritte türkische „Onkel-Mehmet“-Laden mittlerweile deutsche Stammkunden.Der türkische Lebensmittelhandel in Deutschland ist längst kein Nischenmarkt mehr. „Neugründungen von Lebensmittelgeschäften, die von türkischen Inhabern geführt werden, erfolgen nicht mehr in Stadtteilen mit ethnischer Bevölkerungskonzentration, sondern in unterversorgten Stadtteilen aus denen die Handelsketten sich zurückgezogen haben“, sagten die Essener Forscher. In diesen Absatzgebieten erweitern die türkischen Händler ihr Warensortiment um die Produkte, die vor allem von deutschen Kunden stark nachgefragt werden. Gegenwärtig seien diese türkischen „Onkel-Mehmet“-Läden ein unverzichtbarer Bestandteil der Nahversorgung geworden, so Yunus Ulusoy, zuständig für den Bereich ethnische Ökonomie im ZfT.Gleichzeitig hat sich ein vielfältiger türkischer Lieferantenmarkt in Deutschland etabliert. Auf vielen Großmärkten in Deutschland dominiert daher der Anteil der türkischen Großhändler. Zu diesem Lieferantenmarkt gehören Gemüse- und Fleischgroßhändler und Importeure, wie auch Nahrungsmittelproduzenten für Wurst, Käse, Brot, Fertiggerichte und andere. Erfolgreiche Marken wie beispielsweise „Yayla“ und „Baktat“ stehen seit jeher für türkische Lebensmittel.

 

Der Lebensmittelsektor in seiner ganzen Bandbreite von der Produktion über den Handel bis zur Gastronomie ist nach einer ZfT-Studie von 2008 „der wichtigste Motor für die Entstehung des türkischen Unternehmertums in Europa“. Unter den rund 70.000 türkischstämmigen Selbständigen in Deutschland bilden die 22.800 türkischstämmigen Einzelhändler, Großhändler, Produzenten/Importeure sowie die 18.100 Gastronomen die große Gruppe. Diese Gruppe erreicht heute bei einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 112 Millionen Euro ein jährliches Umsatzvolumen von 462 Millionen Euro. „Allerdings schrumpfen die Sektoren in den vergangenen Jahren zugunsten des Dienstleistungsbereichs“, erläutert Yunus Ulusoy. Fast die Hälfte aller Besitzer von Lebensmittelgeschäften sei zwischen 30 und 45 Jahre alt. Die meisten Händler seien Einwanderer der zweiten Generation. Nach der ZfT-Studie beschäftige der Lebensmitteleinzelhandel rund 140.000 Mitarbeiter. Die Unternehmen stellen größtenteils Familienbetriebe dar, in dem durchschnittlich drei Personen tätig sind. Diese Gruppe spiegelt sich in etwa 51 Prozent der Kleinstbetriebe wider. Das ermögliche ihnen flexible Arbeitszeiten und niedrige Personalkosten, laut der Studie.

 

Der Konkurrenzdruck wächst: Auch deutsche Handelsketten haben Ethno-Sortimente für sich entdeckt.Zahlreiche türkische Unternehmen des Lebensmittelsektors in Deutschland haben mit wachsender Nachfrage ihre Verbindungen in der Türkei ausgebaut. Teils haben sie eigene Produktionsstätten in der Türkei eröffnet, teils haben sie kontinuierliche Lieferbeziehungen mit türkischen Unternehmen aufgebaut, die einen bedeutenden Teil des türkischen Nahrungsmittelexports nach Deutschland durchführen.

 

Auf der anderen Seite jedoch ist der Markt türkischer Lebensmittel in Deutschland nicht allein eine Domäne ausländischer Unternehmen. Längst haben auch deutsche Händler die Migranten als Zielgruppe erkannt und ihre Produkte zum Teil mit türkischem Namen auf dem Markt gebracht. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist die garmo AG in Stuttgart. Seit Anfang der siebziger Jahre produziert sie die Marke „Gazi“ (arabisch: Eroberer), dessen Unternehmer, Dr. Eduardo Garcia, deutsch-spanische Wurzeln hat. Weitere bekannte Marken für Molkereiprodukte wie „Ömür“ und „Bahar“ fallen ebenso unter das Dach der garmo AG.Doch in jüngster Zeit nimmt auch die Konzentration auf dem deutschen Markt für islamisch geprägtes Konsumverhalten zu. Halal-Lebensmittel finden immer mehr Beachtung. Das arabische Wort „Halal“ bedeutet das Zulässige, Erlaubte, das heißt, dass die Nahrungsmittel frei von verbotenen Bestandteilen wie Alkohol oder Stoffen vom Schwein sind, aber auch zum Beispiel ob – im Fall von Fleisch – die Schlachtung nach islamischen Kriterien korrekt und schonend erfolgt ist oder ob das Tier auf rechtmäßige Weise erworben oder ernährt worden ist. In Deutschland gibt es nach Angaben der europäischen Prüf- und Zertifizierungsstelle „Halalcontrol“ in Rüsselsheim schon rund 400 Firmen, die Halal-Produkte anbieten. Die Tendenz sei steigend. So produziert inzwischen Haribo in der Türkei Halal-Gummibärchen aus Rindergelatine. Als „100 % Helal“ präsentiert die Düsseldorfer Sea Food GmbH ihre mit Fischgelatine hergestellten „Frutty Bears“ auf der diesjährigen „Anuga“ in Köln, die weltweit wichtigste Food & Beverage-Messe. Zudem findet am 05. November 2009 im Wissenschaftspark Gelsenkirchen die erste Ethno-Marketing Kongressmesse in Deutschland statt. Sie soll einen Überblick zum Stellenwert ausländischer Konsumenten in Deutschland geben und die aktuellen Kenntnisse sowie die Trends im Ethno-Marketing aufzeigen. Näheres gibt es unter der Webseite www.ethno-day.de zu erfahren.

Auf einen Blick: Der türkische Lebensmittelhandel in Deutschland

Der Jahresumsatz 2006: 462.000 Millionen Euro

Die Händler: 22.800 Einzel- und Großhändler, 18.100 Gastronomen

Die Läden: Zu 73 Prozent kleine Verkaufsflächen um die 50 qm. Verkaufsflächen ab 200 qm gelten als Supermärkte.

 

Die Kundenstruktur: Je nach Standort 30 bis 70 Prozent deutsche und andere Kunden. Im Schnitt ist Hälfte der Kundschaft türkischer Herkunft.

Konzentration: Der Markt konzentriert sich auf ethnisches Konsumverhalten und jüngst auf Halal-Produkte. In Deutschland gibt es nach Angaben der europäischen Prüf- und Zertifizierungsstelle „Halalcontrol“ in Rüsselsheim schon rund 400 Firmen, die Halal-Produkte anbieten. „Halalcontrol“ zertifiziert nach eigenen Angaben bereits Waren von Nestlé, Haribo, Langnese, Elbmilch, Pfanni, Grünland oder Ehrmann (Islamische Zeitung, Ausgabe Nr. 169).