01.11.2014

Editorial



Wenn Liebe durch den Magen geht, wie es ein Sprichwort sagt, dann kann unser Verhältnis zum Orient so schlecht nicht sein. Es ist auch eine über 2000jährige kulinarische Beziehung, die kein Kreuzzug und kein Hassprediger ernsthaft hat stören können. Mit den Gewürzen und den Wohlgerüchen exportierten die Araber und Perser das Wissen der „Ärzte der Khalifen“. Der Koran, als wissenschaftliche Basis dieses Wissens, wurde den Völkern Westeuropas lange vorenthalten. Für Denker wie Johann Wolfgang von Goethe legte er Zeugnis ab über den Lifestyle der Völker des Islam, über die wechsel-seitigen Beziehungen zwischen gesundem Leib und wachem Geist und über ihr frühes Kontrollsystem einer der Volksgesundheit dienenden Lebensmittelproduktion. Nur wenig später verkümmerten die orientalischen Wissenschaften und blieben bis vor kurzem verschüttet.

Zu Zeiten des Propheten Mohammed lebten kaum 300 Millionen Menschen auf der Welt, heute brauchen 6,6 Milliarden Essen und Trinkwasser. Während viele am Exi-stenzminimum hungern, leidet ein geringerer Teil von uns an Zivilisationskrankheiten. Doch inzwischen steigt die Zahl derer, die sich dem sinnentleerten Konsum verweigern, den ein global agierender biochemisch-technischer Industriekomplex bis zum Überdruss angeheizt hat. Eine neue Vision wird erkennbar und sie hat eine breite Basis zwischen dem Grün der Biokonsumenten und den grünen Farben des Islam. Ihr Ziel: mit der Natur des Schöpfers im Konsens leben, gesunde Nahrungsmittel produzieren, mit ethischer Verantwortung konsumieren. Wer denkt dabei nicht erneut an Goethe: „Herrlich ist der Orient übers Mittelmeer gedrungen“ und sinniert darüber, dass uns der Orient schon einmal fundamentale Regeln über Essen und Trinken geliefert hat.

Noch ist es die Ausnahme, dass sich deutsche Hausmänner beim Fleisch¬kauf vom türkischen Familienvater im „Süpermarket“ beraten lassen. Noch gibt es Vorbehalte beim Elsässer, den Einkauf in der marokkanischen „Boucherie“ zu wagen. Noch traut die flämische Hausfrau nicht jedem libanesischen Händler. Doch sie alle wissen inzwischen, dass die Europäische Union zwar die Krümmung der Salatgurke vor¬geschrieben hat, die Hersteller aber immer noch nicht dazu zwingt, alle Inhaltsstoffe ihrer Produkte zu nennen. Für muslimische Verbraucher ist die Schaffung eigener Kontrollinstanzen  schiere Lebensnotwendigkeit. Das heißt konkret: Halal-Kontrolle und Halal-Zertifikat.

Die Entwicklung islamkonformer Lebensmittel ist bei der UNESCO inzwischen ebenso bemerkt worden wie im gläser¬nen Palast des Berlaymont in Brüssel, denn über sie wird abgestimmt in den Supermärkten rund um die Welt. Es ist eine gewaltige Vision, denn ihr Handelswert betrug dieses Jahr 150 Milliarden US-Dollar und er soll bis 2010 auf 500 Milliarden ansteigen. Praktizierende Muslime vertrauen bei der Auswahl ihrer Nahrung den Geboten Gottes und seinem allwissenden Ratschlag, dargelegt im Koran und in der Sunna des Propheten. Doch in der modernen Konsumgesellschaft ist es schwer geworden, zwischen dem Erlaubten („halal“) und dem Verbotenen („haram“) zu unterscheiden. Fragen über Fragen tun sich auf. Wie kommt das Schwein in die Rindersalami? Im Idealfall als Zutat. Dann steht auf dem Etikett: „80 Prozent Rindfleisch, 15 Prozent Speck, Gewürze“. Die Muslima, die das liest, wird es im Regal liegen lassen. Doch so einfach ist es nicht immer. Oft beinhalten Wurst- und Fleischwaren weit mehr Bestandteile als auf dem Etikett ausgewiesen.

Misstrauen gegenüber industriell gefertigten Nahrungsmitteln eint die ostanatolische Hausfrau und den Hamburger Hausmann. Laut jüngster Umfrage von Bauknecht würden 78 Prozent der Deutschen das gekochte Essen vom eigenen Herd bevorzugen, wäre dies nur machbar. Viele beklagen den fehlenden Fleischer oder Metzger mit eigener Schlachtung, dem man vertrauen könnte. Doch gerade diesen Handwerkern wird in Deutschland durch überzogene Gebühren und übertriebene Behördenauflagen so zugesetzt, dass sogar die EU-Kommission inzwischen die Bundesregierung verklagt hat. Muslime und Nichtmuslime bedauern unisono auch diese Entwicklung.

Weltweit wächst kein Segment auf dem Lebensmittelmarkt so rasch wie „Halal-Food“. Europäische Hypermärkte vervielfachten ihre Ladenfläche für Halal-Produkte. Türkische Lebensmittelgeschäfte boomen, inzwischen liegen auch bei Edeka, Rewe, Metro, Spar und Lidl modern konzipierte „Halal“-Snacks für junge Leute im Regal. Seriöse, von den muslimischen Gemeinschaften getragene Institute, nicht selten vom Staat anerkannt, prüfen in allen westlichen Industriestaaten die Lebensmittel auf islam¬konforme Eigenschaften. Auf der Website der deutschen Halalcontrol finden sich längst große „Brands“ wie Almi, BASF, Bayer, Degussa, Ehrmann, Kerry, Langnese, Nestlé oder Unilever. Ist es wirklich noch eine Vision: Islamischer Lifestyle für europäische VerbraucherInnen?

Peter Z. Ziegler